Ich bin IHM nah

  Ich liege an der Längsseite einer Futterkrippe. Hinter der Krippe stehen zwei Tiere, Ochs und Esel. Ihr Trog ist besetzt. Auf Heu und Stroh gebettet, liegt darin ein winziges Kind. Zu seinen kleinen Füßen steht ein Mann mit einer Laterne in der Hand. Sie leuchtet nur schwach. Es ist ein anderes Leuchten hier in diesem Stall. Ich nehme es wahr, begreife es aber nicht. Am gegenüberliegenden Ende der Krippe sitzt eine junge Frau auf einem Holzschemel. Sie sieht müde und erschöpft aus. Ihr Blick ruht auf dem Baby. Jetzt erkenne ich, woher das Leuchten kommt. Ich sehe das Kind an und nehme sein Strahlen wahr. Es schaut mir direkt in meine hellgelben Augen und zuckt nicht einmal. Ochs und Esel hingegen werden jedes Mal unruhig, wenn ich zu ihnen hinüber sehe. Vielleicht nehmen sie auch meinen Geruch wahr.

 

  Der Mann und die Frau, die sich mit Maria und Josef ansprechen, nehmen kaum Notiz von mir. Dann verweilt Josefs Blick doch ein wenig länger bei mir. „Der Hund vor der Krippe“, sagt er zu Maria und weist auf mich, „sieht aus wie ein Wolf.“ Maria schaut zu mir herüber. „Ja“, erwidert sie, „das tut er. Ein wachender und behütender Wolf.“ Sie lächelt. Dann wenden sich beide wieder dem Baby zu. Ich habe einen Schrecken bekommen, weil ich tatsächlich ein Wolf bin. „Wie ich hierher komme? Das ist eine lange Geschichte. Geboren wurde ich in einer ganz normalen Wolfsfamilie. Aber da hört die Normalität schon auf. Ich war etwas kleiner als meine Geschwister, langsamer und weniger stark. Von Anfang an war ich gut im Beobachten. Wenn die anderen Wölfe hungrig waren, rannten sie los, töteten Tiere und zwar mehr, als sie essen konnten. Das fand ich dumm, weil es die Schäfer und Hirten wachsamer werden ließ. Auch die Hunde meldeten uns Wölfe laut an, sobald wir näher kamen. Diese Hunde waren mutig. Besonders der eine, den der alte Hirte merkwürdigerweise Wolf nannte. Menschen und Hunde zogen mich an. Meine Familie bemerkte es, sie verstieß mich und nannte mich einen Verräter. Ich aber beobachtete weiter diesen Hund, ahmte ihn nach, so gut ich konnte. Irgendwann habe ich den Hirten etwas von einem Wolf im Schafspelz reden hören. Das fand ich dumm, weil doch jeder einen Wolf auch unter einem Schafsfell an seinen Bewegungen erkennen kann. Vielleicht schauen die Menschen einfach nicht richtig hin. Ich jedenfalls wollte ein Wolf im Hundepelz sein. Und das ist mir gelungen.
  Der Hund mit dem Namen Wolf wurde alt und schwach. Ich gesellte mich an seine Seite. Auch der Hirte war inzwischen alt und fast blind. Aus seinen trüben Augen sah er mich nachdenklich an. „Zu dir passt der Name Wolf noch besser“, flüsterte er mir zu, nachdem sein Hund gestorben war. Ich mache meine Arbeit gut, weil ich Menschen, Schafe, Hunde und Wölfe gleichermaßen verstehen kann. Es ist nicht immer leicht, ein Hund zu sein. Manchmal bricht das Wilde aus mir heraus und ich tue Dinge, für die ich mich schäme. Als Hund schäme, als Wolf natürlich nicht. Der Hirte füttert mich gut, das hilft mir, meine Rolle auszufüllen. Sogar heute Nacht bei diesem Riesenspektakel bin ich ruhig an der Seite meines Hirten geblieben. Zuerst war am Himmel etwas los. Mit meinen gelben Augen kann ich nachts gut sehen.
  Die Gestirne spielen verrückt, der Himmel tut sich auf. Er ist voll Licht und Musik. Eine Weile heule ich mit, aber dann wird mir klar, dass der Himmelsgesang ein Jubelgesang ist, den ich einfach nicht drauf habe. Mein Hirte erhebt sich von seiner Lagerstätte vor dem Feuer, rollt warme Felle auf und klemmt sie unter seinen Arm. Er rennt mit einer Geschwindigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut habe, auf einen Stall zu. Ich laufe hinterher. Schließlich haben die Himmelswesen einen Retter angekündigt, den will ich natürlich auch sehen.
  Dann betreten wir zwei den Stall. Der Hirte geht auf die Krippe zu, in der das Kind liegt. Er fällt auf die Knie und weint, es sind Freudentränen. Ich verstehe nichts. Nun liege ich hier und denke nach. Die Himmelswesen singen vom Frieden, vom Frieden auf Erden, vom Frieden für alle. Ich bin satt, das hilft mir, Frieden zu wahren. Deshalb traue ich mir zu, mich am Fuße der Krippe hinzulegen. Der Wolf in mir gibt Ruhe. Mein Anderssein gibt Ruhe. Es ist ohnehin ein feierliches Schweigen vorherrschend, dann aber höre ich wieder Gesang und gute Worte für das Kind. Es ist wirklich ein besonderes Kind, das spüre ich ganz deutlich. Als ich es wieder ansehe, bin ich von Freude erfüllt, von meinem buschigen Schwanz bis zu meinen spitzen Ohren. Ich kann nur noch mit dem Herzen denken, mein scharfer Verstand versagt völlig. Diese Freude!
  Ich höre, wie Maria zu Josef sagt: „Unser göttliches Menschenkind.“ Liebevoll zeigt sie auf das Baby. „Oder unser menschliches Gotteskind?“, erwidert Josef. „Nein“, sagt Maria entschieden, „unser göttliches Menschenkind. Menschliche Gotteskinder sind wir doch alle, alle Geschöpfe.“ Wieder lächelt sie und sagt: „Das ist ja die frohe Botschaft.“
  „Das hieße ja, Moment mal, dass hieße ja… wir Tiere hier im Stall, Ochs, Esel, zwei Lämmer, ich und all die Menschen, die ganze Schöpfung. Uns allen ist der Retter erschienen. Als ein Kind, das uns den Abglanz des Göttlichen offenbart.
  Und jegliches Geschöpf kann ihn hören, den Gesang vom Frieden auf Erden.

Text: Christa Gund

 

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