In der Weihnachtszeit gemeinsam singen

  Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie haben sich auch auf das gemeinsame Singen ausgewirkt. Chöre können kaum mehr proben und auftreten (und wenn, dann nur unter sehr eng gesetzten Grenzen). Auch in der Liturgie ist dies spürbar bis hin zum Verbot des Singens der Gemeinde in den Gottesdiensten zu Weihnachten. Ebenfalls fällt ein gemeinsames Singen draußen - an der frischen Luft - als mögliche Alternative Corona zum Opfer. Viele werden das als sehr schmerzlich empfinden, wenn es auch unter den gegebenen Umständen unausweichlich ist.

 Ich habe mich in der Adventszeit an eine alte englische Tradition erinnert, nämlich das gemeinsame Singen von Advents- und Weihnachtsliedern nicht nur im Haus, sondern auch draußen. Einige der noch heute in England zu Weihnachten gesungenen Lieder haben eine lange Tradition bis ins 15. und 16. Jahrhundert, allerdings gehen die meisten der englischen Lieder, die wir heute noch kennen, erst auf das 19. Jahrhundert zurück. Dabei spielte das neu erwachte Interesse an älteren Traditionen und Bräuchen wie besonders auch an populären Liedern, die im Volk überliefert waren, eine große Rolle. Verstärkt wurden diese Tendenzen durch Königin Viktoria und ihren deutschen Ehemann, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, durch die u.a. auch deutsche Weihnachtsbräuche wie das Aufstellen von Weihnachtsbäumen in England populär wurden. Seit den 1840er Jahren wurden Weihnachtslieder intensiv von historisch wie theologisch Interessierten (häufig waren es Geistliche) gesammelt und in Buchform herausgegeben. Diese Bücher waren oft sehr schön gebunden und illustriert, sodass sie für ein gut situiertes bürgerliches Publikum als zur Jahreszeit passende Weihnachtsgeschenke dienen konnten. Zugleich förderten diese Drucke ein neu entwickeltes Weihnachtsbrauchtum in England, in dem das gemeinsame Singen, drinnen im Haus wie auch draußen im Freien, in seiner verbindenden und gemeinschaftsstiftenden Funktion einen besonderen Platz einnahm. Deutlich unterschieden die frühen Sammler und Herausgeber allerdings zwischen religiösen Liedern auf der einen Seite und den eher festlichen (festive carols) auf der anderen Seite. Während die ersteren theologisch bedeutsame Themen zur Geburt Christi und darin besonders die Rolle der Gottesmutter behandelten, sodass viele religiöse Christmas Carols Marienlieder sind, bezogen sich die festlichen eher auf das gemeinsame Singen in fröhlicher Ausgelassenheit bei Feiern im Familien- und Freundeskreis (und da ging es durchaus um weltliche Dinge wie Speise und Trank beim Fest!).
 Eine besondere Tradition bestand im Singen draußen im Freien, also in der Öffentlichkeit, sei es auf dem Dorfplatz oder im städtischen Rahmen abends vor den Haustüren. Nicht nur kleine Gruppen von Kindern, sondern auch von Erwachsenen zogen durch die Straßen, zum Teil auch mit Instrumenten. In vielen Fällen wurde Geld für gute Zwecke gesammelt. Die Bräuche sind in den verschiedenen Regionen Englands zum Teil recht unterschiedlich gewesen, aber den Brauch, dass Gäste an der Haustür vor dem Eintreten erst ein Weihnachtslied singen sollten, fand ich besonders schön. Wenn man nicht persönlich kommen konnte, bot sich die Weihnachtspostkarte als ein Ersatz aus der Ferne an, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in vielfältiger Weise solche musikalischen Darbietungen zusammen mit Weihnachtswünschen im Bild festhielt, wie es diese alte Postkarte zeigt: “Die Laternen sind angezündet, die Weihnachtslieder werden gesungen. Wohlergehen den Alten, und Fröhlichkeit den Jungen!”

 

Allerdings stieß das öffentliche Singen nicht durchgehend auf ein positives Echo. Besonders eine Form des Singens, die auf ältere Traditionen der Stadtwächter zurückgeht (der sog. Waits), erregte auch Ärgernis, wenn kleine Gruppen von Musikanten laut singend und mit schallenden Instrumenten mitten in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember unter den Laternen vor den Häusern standen. Der ästhetische Genuss hielt sich für die in ihrem Schlaf gestörten Hörer oft in Grenzen, dies nicht zuletzt angesichts von musikalischen Amateuren, die zuvor schon einen ausgiebigen Kneipenbesuch hinter sich hatten. So kann man nicht nur kritische Leserbriefe zu den Gesängen und musikalischen Darbietungen in den Zeitungen finden, sondern auch entsprechende Karikaturen, wie in einem Buch über Weihnachtsbräuche aus dem Jahr 1836.

 

 Bei meinen englischen Freunden habe ich angefragt, wie es heute um dieses Brauchtum steht, eine Anfrage, die auch weitergereicht wurde und daher zu einigen interessanten Erinnerungen geführt hat. Ja, das gibt es heute noch, wenn auch deutlich weniger als noch in den 1950er und 1960er Jahren des vorigen Jahrhunderts und eher in Kleinstädten und in ländlichen Regionen. Dies gilt vor allem für das Singen in kleinen Gruppen, die von Tür zu Tür gehen im Unterschied zu organisiertem Singen auf dem Trafalgar Square in London oder durch die Heilsarmee in Einkaufszentren. Irgendwie schade, aber vielleicht ist das angesichts veränderter Zeiten in einer Mediengesellschaft und bei ständiger Beschallung gerade in der Weihnachtszeit recht nostalgisch. Aber eine schöne Idee, gemeinsam Advents- und Weihnachtslieder auch draußen singen zu können, zum Beispiel auf dem Domplatz vor dem schönen Adventskranz, ist es trotzdem.

 

  Allen noch eine gute weihnachtliche Zeit!

 

Text: Gabriele Müller-Oberhäuser

 

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