Polly hilft Großmutter

 

(von Astrid Lindgren)

 

  Ich wünschte, ihr könntet das Haus sehen, in dem Polly wohnte. Es war so klein und niedlich, dass man es beinahe für ein Märchenhaus halten konnte. Natürlich war es nicht Polly, die in dem Haus schaltete und waltete. Das tat Großmutter, die Bonbons kochte und sie dann jeden Samstag auf dem Markt verkaufte. Ich nenne es aber trotzdem Pollys Haus. Wenn man vorbei ging, konnte man Polly auf der Treppe sitzen sehen, Sie hatte die braunsten und fröhlichsten Augen und die rosigsten Backen, die wohl jemals ein Kind gehabt hat. Und dann sah sie – wie soll ich sagen? Sie sah so patent aus. Deswegen hatte ihre Großmutter auch den Einfall gehabt, sie „Polly patent“ zu nennen. Oh, das Haus, wie war es niedlich! Zwei kleine Fenster gingen zur Straße hinaus, und hinter dem Haus war ein kleiner Garten. Polly fand Großmutters Haus wunderschön, wenn es auch klein war.

  Als das geschah, wovon ich erzählen will, war Polly noch nicht sieben Jahre alt. Großmutter rutschte auf dem Küchenfußboden aus und verletzte sich am Bein. Und das geschah eine Woche vor Weihnachten! Was würde nun aus den vielen Bonbons, die auf dem Weihnachtsmarkt verkauft werden sollten? Wer sollte das machen, wenn Großmutter im Bett lag und das Bein nicht bewegen konnte? Wer sollte den Weihnachtskuchen backen und die Geschenke einkaufen und das Haus weihnachtsfein machen?

  „Das mache ich“, sagte Polly. „Achachach“, sagte Großmutter in ihrem Bett, „gutes Kind, das kannst du doch nicht. Wir werden Frau Larsson fragen müssen, ob sie über Weihnachten auf dich aufpassen will. Und dann werden wir sehen, ob ich nicht ins Krankenhaus kommen kann.“ Da sah Polly patenter aus als je zuvor. Sollten Großmutter und Polly nicht Weihnachten so feiern, wie sie es gewohnt waren?

  Doch, das sollten sie, sagte Polly, bald sieben Jahre alt und mit den braunsten und fröhlichsten Augen der Welt. Und dann begann sie mit dem Weihnachts-Großreinemachen. Großmutter meinte, dass sie es in diesem Jahr nicht so genau nehmen wollten. Davon aber wollte Polly nichts hören. Frau Larsson kam und half ein bisschen. Sie schrubbte den Fußboden und putze die Fenster. Aber alles andere machte Polly.

  Sie sah unglaublich patent aus. Sie klopfte die Flickenteppiche. Sie steckte saubere Gardinen auf. Sie staubte alle Möbel ab. Und zwischendurch kochte sie für Großmutter Kaffee. „Mein gutes Kind“, sagte Großmutter, „wie könnte ich ohne dich fertig werden?“ Und Polly saß auf der Bettkante, und tauchte ein Stück Zucker in Großmutters Kaffeetasse, bevor die wieder ans Reinemachen ging.

  Ja, aber nun die Bonbons? Wer sollte die verkaufen? Polly und kein anderer! Aber Polly konnte noch nicht rechnen und die Bonbons auch nicht auf der keinen Waage abwiegen, so wie Großmutter es tat. Aber Polly wusste, wie ein Fünfziger aussah. Großmutter musste sich im Bett aufrichten und die Bonbons abwiegen: Hundert Gramm in ein Tütchen, das wurden genau Fünfziger-Tütchen.

   Drei Tage vor Heiligabend war Weihnachtsmarkt. An dem Morgen war Polly früh auf. „Gutes Kind“, sagte Großmutter. „Es ist so kalt. Du frierst dir die Nase ab.“ Da lachte Polly nur. Sie war schon fertig für ihr großes Bonbon-Abenteuer. „Auf Wiedersehen, Großmutter“, sagte sie und ging in die Finsternis hinein. Es war wirklich kalt. Der Schnee knirschte unter den Strohschuhen, als Polly zum Markt ging. Aber drüben im Osten begann der Himmel herrlich rot zu werden. Frau Larssons Mann war so nett gewesen, Großmutters Stand aufzubauen. Polly brauchte nur die Bonbontüten aufzustellen.

   Viel Käufer kamen zu Polly. Alle wollten von der allerkleinsten Marktfrau kaufen. Polly hatte eine Zigarrenkiste, in die sie das Geld hineinlegte, und es klapperte bald ganz schön. Polly machte ein großartiges Geschäft. Sie war so froh, dass sie kaum stillstehen konnte. Großmutter schlief gerade, als Polly hereingestürmt kam und den Inhalt der Zigarrenkiste auf der Decke ausschüttete. Und der Korb war leer! Nicht ein einziger Bonbon war mehr da. „Gutes Kind“, sagte Großmutter, „wie könnte ich ohne dich fertigwerden.“

   Und dann das mit den Weihnachtsgeschenken! Großmutter hatte ja nichts im Voraus kaufen können. Sie hatte bis nach dem Weihnachtsmarkt damit warten wollen. Vorher hatte sie doch kein Geld! Nun lag sie da und konnte sich nicht rühren. Und Polly, die sich so sehnlichst eine Puppe wünschte! Nicht irgendeine Puppe – nein, die süßeste Puppe der Welt! Söderlunds in der hinteren Kirchgasse hatten sie. Viele Male hatten Großmutter und Polly sie angesehen. Und ganz heimlich hatte Großmutter schon Fräulein Söderlund gebeten, diese Puppe bis nach dem Weihnachtsmarkt zurückzulegen. Großmutter konnte doch nicht Polly losschicken, damit sie sich ihr eigenes Weihnachtsgeschenk kaufte! Ja, da war guter Rat teuer.

   Aber was dachte sich Großmutter aus? Sie schrieb einen Zettel an Fräulein Söderlund. „GEHEIM!“, stand groß darauf. Mit dem Zettel lief Polly zu Söderlunds. Fräulein Söderlund las den Zettel, gab ihr ein großes Paket und sagte: „Geh hiermit direkt zur Großmutter. Und verlier das Paket nicht!“ O nein, das Paket verlor Polly nicht. Sie drückte nur ein bisschen daran. Sie hoffte ja, dass es die Puppe sein würde, aber ganz sicher konnte man sich nicht sein. Polly kaufte für Großmutter auch ein Geschenk. Ein Paar feine Fingerhandschuhe. Die hatte sich Großmutter schon lange gewünscht.

   War da jemand, der geglaubt hatte, dass es bei Polly und ihrer Großmutter kein richtiges Weihnachtsfest geben würde? Dem wünschte ich nur, er hätte am Weihnachtsabend durch eins der kleinen Fenster in Pollys Haus hineingeschaut. Dann hätte er gesehen, wie Polly bei Großmutter auf dem Bettrand saß und wie die Weihnachtsgeschenke auf Großmutters Bettdecke lagen. Und wie Pollys Augen leuchteten, als sie das Paket öffnete und die Puppe sah. Vielleicht leuchteten sie noch mehr, als Großmutter ihr Paket aufmachte. Polly sang viele Weihnachtslieder, und Großmutter nickte mit dem Kopf und sagte: „So ein gesegnetes Weihnachtsfest!“

  Als Polly am Weihnachtsabend endlich auf dem Küchensofa lag, war sie so müde, dass sie am liebsten sofort eingeschlafen wäre. Mit schläfriger Stimme sprach sie ihr Gebet und warf noch einen Blick aus dem Fenster in den Garten. Es schneite draußen, es war strahlend weiß. „Großmutter!“, rief sie. „Weißt du, dass der ganze Garten voller Engel ist?“ Großmutter lag zwar im Zimmer, und das hatte nur das Fenster zur Straße, aber sie sagte: „Ja, ja, gutes Kind, der ganze Garten ist voller Engel.“ Und dann schlief Polly ein.

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